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Superstar Kirsten Neuschäfer

Aus dem Nichts zur Seglerin von einem anderen Stern

Von Bobby Schenk

Als am 21.Januar 2024 eine Kirsten Neuschäfer auf der Flagship Night im Rahmen der „boot Düsseldorf 2024" mit dem „SEAMASTER-Award“ ausgezeichnet wurde, war die strahlende Dame höchstens eingeweihten Seglern bekannt. Denn Hochseesegler hatten vorher durchaus mitbekommen, dass die gleiche Lady auf der Festveranstaltung des größten deutschen Segelvereins TRANS OCEAN vom berühmstesten deutschen Weltumsegler Bobby Schenk so die Süddeutschen Zeitung hier! seinen Kap Horn Award verliehen bekommen hatte, wo der Stifter in seiner Festansprache Kirsten Neuschäfer das weithin unbekannte Mädel mit dem Lob adelte:

Kirsten Neuschäfer ist "the greatest sailor of all time“.

Was war geschehen, dass plötzlich die zierliche, junge Deutsche aus Südafrika auf diesen Thron gehoben und mit frenetischem Beifall gefeiert wurde? Dass Europas größtes Segelmagazin, die YACHT, ebenfalls neuerdings von der „besten“ Seglerin der Welt sprach?

Golden Globe Race - härtestes Segel-Rennen der Welt

Um Kirstens Leistung richtig ermessen zu können, sollte man sich die Geschichte des bekanntesten Rennens um die Welt, des internationalen Golden Globe Race, kurz anschauen:

Die Seglerwelt träumte schon immer davon, dass einmal ein Seemann - an eine Frau dachte man damals in den 60er Jahren noch nicht – einhand, also alleine, und nonstop um die Welt segeln würde. Einer der Ersten, die das versuchten, war 1966 der Engländer Francis Chichester, der diesen Rekord fast aufstellte. „Fast“, weil er in Australien einen Stopp einlegen musste.

Doch interessiert das die Öffentlichkeit?

Und wie! Als der 66-Jährige am 28. Mai 1967 in den Hafen von Plymouth einlief, warteten auf ihn unglaubliche 250 Tausend, eine Viertelmillion Fans, darunter auch die englische Königin Elisabeth II mit Schwert, mit dem sie ihn, nunmehr Sir Francis, zum Ritter schlug. Und Francis selbst auch außerhalb der Segelszene zum Größten Segler aller Zeiten verklärte.

Die magische Kraft, die von diesem heiß ersehnten Rekord ausging, nutzte 1968 die englische Sunday Times und lobte einen Preis im heutigen Wert von 68.000 € für den schnellsten Segler aus (von einer „Seglerin“ war nicht die Rede), der alleine und nonstop um die Welt segeln würde.

Das Golden Globe Race war geboren. Ein brutales Rennen, völlig ungeignet für das schwache Geschlecht! So waren auch keine Frauen dabei, als das Race einhand um die ganze Welt, ohne Stop, 1968 startete. Es schwappte über vor Dramatik. Der berühmte Franzose Moitessier hatte bereits das Kap Horn umrundet, als er in aussichtsreicher Position zu der Erkenntnis kam: „Europe is finished." (schon damals!) und dreieinhalb tausend Seemeilen weiter nach Westen hielt, statt nach Norden zu steuern, bevor er dann in Tahiti bei den Südseeinsulanern - ohne Sieger-Preis - landete.

Tödliche Tragödie auf dem Mehrrumpfer

Ob der Mathematiker Donald Crowhurst, unterwegs mit einem Trimaran, bereits beim Start die Absicht hatte, die Welt zu betrügen, wurde nie aufgeklärt. Tatsache ist, dass er in seinen Funksprüchen falsche Positionen angab, um den Eindruck einer flotten Weltumsegelung zu erwecken. Als sein Trimaran im Atlantik treibend gefunden wurde, war klar, dass er den Atlantik nie hinter sich gelassen hatte. Er war nicht der erste Betrüger in der Geschichte der Segelrekorde. Bis heute hielt die Faszination dieses Rennens mit seinen Dramen an. Erst vor ein paar Jahren, nach einem halben Jahrhundert, wurde es mit Oscar-Preisträger Colin Firth in der Hauptrolle endlich verfilmt.

Strahlender Sieger bei diesem Golden Globe wurde damals der britische Offizier Robin Knox-Johnston, der spätere neue Nationalheld Sir Robin-Knox-Johnston. Seine 10-Meter lange Suhaili benötigte 313 lange Tage, bitte merken!

Neues Golden Globe nach alten Regeln

Der Zauber dieses Golden Globe scheint bis auf den heutigen Tag nichts von seiner Leuchtkraft verloren zu haben. Es war der Australier Don McIntyre, der es 2018 zum 50jährigen Jubiläum wiederbelebte.

In der Neuauflage wurde streng darauf geachtet, dass die gleichen harten Bedingungen wie zu Zeiten Moitessiers herrschten, um Rennverläufe und Ergebnisse vergleichbar zu machen: Navigation nur mit Sextant, also mit Sonne, Mond und Sternen, unentbehrlich für die Navigation ein kleiner Propeller im Wasser, den die Yacht nachschleppen musste, um aus den Umdrehungen des Schlepplogs die Speed und die zurückgelegte Strecke zu berechnen, also keine Elektronik, kein Wassermacher und die heftigste Auflage, es durften nur alte Schiffe eingesetzt werden, also keine Rennkübel aus Carbon mit Kufen oder ähnlich scheussliche Konstruktionen.

Das war vielleicht die schwierigste Rennbedienung. Denn wer hat schon einen renngeeigneten 36-Fuß-Langkieler daheim rumstehen. Also weltweit suchen! Kirsten entdeckte dann "Ihr" geeignetes Schiff im fernen Neufundland.

Wanderin durch Afrika

Einige Jahre vor der Wiederbelebung des Golden Globe Race versuchte ein Berliner Fahrradhändler, einer jungen, hübschen Kundin den Kauf eines Drahtesels auszureden. Zu gefährlich schien ihm ihr Vorhaben, ganz Afrika in Nord-Südrichtung, also von Marokko nach Kapstadt, mit dem Fahrrad zu durchqueren. Die Kundin hieß Kirsten Neuschäfer, und die Bedenken des Fahrradhändlers blieben ungehört. Kirsten radelte die 15 Tausend Kilometer; vorsichtshalber schnitt sie ihre Haare ab und setzte einen Turban auf, um nicht von lüsternen Blicken als Frau erkannt zu werden. Zuhause studierte sie Ozeanographie und verdiente unter anderem mit Überführungen von Segelyachten und Segelunterricht ihren Lebensunterhalt, bis sie eines Tages die Meldung über die Neuauflage des Golden Globe Race aufhorchen ließ. Sie war zwar unter Segeln schon mal nach Australien gekommen und auch schon an Kap Horn vorbei in die Antarktis. Aber eine Weltumsegelung ohne einen einzigen Halt auf einem alten Schiff, und das ganz allein, in einem Hochseerennen? Das war schon eine andere Dimension.

Zwar hatte sie mit ihrer Radltour durch einen ganzen Kontinent bis zum Kap Agulhas an der Südspitze Afrikas ihren Unternehmungsgeist und ihre Unbeirrbarkeit bewiesen, aber nun sah sie sich mit ganz anderen Hindernissen konfrontiert. Denn sie hatte kein Schiff und auch nicht das nötige Geld. Andere denken gar nicht daran, ein solches Unternehmen zu starten, wenn sie nicht einige Hunderttausende für ein altes, aber Top-Schiff nebst Top-Ausrüstung haben oder zumindest einen leistungsfähigen und großzügigen Sponsor.

Kein Geld, kein Sponsor, kein Schiff, Teilnahme aussichtlos!

Nicht für Kirsten Neuschäfer! Die sympathische, liebenswürdig und zurückhaltend auftretende Kirsten scheint das Wort „Hindernis" nicht zu kennen. Für jeden wäre die Reihenfolge: Geld beschaffen, Schiff kaufen, Racing lernen, zum Rennen melden. Bei Kirsten läuft es andersrum: Unvorstellbar optimistisch meldete Kirsten ihre Teilnahme zum Golden Globe 2022 an. Dann erst machte sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Schiff. Sie fand es in Kanada, Prince Edward Island, eine alte Edward Monk/William Atkin-Kunststoffyacht Cape George 36, also 10,9 Meter lang mit dem schönen Namen eines indianischen Mädchens MINNEHAHA. Es befand sich allerdings in einem erbärmlichen Zustand. Auf einem Privatgrundstück in einer geheizten Scheune, die ein begeisterter Prince Edward Islander zur Verfügung stellte, machte sie eigenhändig die ganzen Renovierungsarbeiten mit nur einem einzigen einheimischen Mitarbeiter, Eddie Arsenault, und gelegentlich einigen freiwilligen Helfern. Es war ja anders unmöglich, mit dem 60.000 Euro-Darlehen, das sie von Freunden erhalten hatte, das Schiff zu erwerben und aus ihm eine Rennyacht zu machen. Schon wegen der speziell geschneiderten Segel, ohne die in einer Regatta zumindest ein Podiumsplatz unerreichbar ist. Mit einer 50 Jahre alten Segelgarderobe brauchst Du Dich an der Startlinie gar nicht erst blicken lassen.

30 Segler aus aller Welt meldeten zum Golden Globe. Vor der Startlinie, als es also ernst wurde, versammelten sich nur noch 16 Yachten, darunter bestens renovierte Yachten mit von leistungsfähigen Sponsoren finanzierter Topausrüstung, soweit es die Regeln zuließen. Eine einzige Frau war unter den Startern: Kirsten Neuschäfer aus Südafrika.

Niemand ahnte, dass in der Sekunde, in der der Schuss über die Bucht hallte, diese Frau Neuschäfer die grandiose Weltbühne der Hochsee-Segelei betreten hatte.

Auf Kurs zum Superstar

Das Rennen selbst, das als halsbrecherisch, als härtestes Hochseerennen überhaupt, gilt, wurde erwartungsgemäß seinem Ruf gerecht. Nervige Flauten und angsteinflößende Stürme sind unvermeidbar, das ist rund um den Globus selbstverständlich. Doch wenigstens eine Episode soll erwähnt werden; allein diese wird Kirsten zur Legende machen: Es war im südlichen Indischen Ozean, südöstlich von Kapstadt, als Kirsten, schon in aussichtsreicher Position liegend, den Hilferuf der Regattaleitung vernahm. Einer ihrer Mitkonkurrenten hatte die Epirb ausgelöst, einen internationalen Not-Alarm mit genauer Position (an Bord waren für solche Notfälle GPS u.ä. versiegelt vorhanden).

Viele Stunden musste Kirsten einen großen Umweg segeln und motoren, was bei Notfällen erlaubt war, bis sie einen kleinen orangefarbenen Fleck zwischen den gewaltigen Seen sichtete. Es war die Rettungsinsel, in die sich der Finne Tapio Lethinen flüchten konnte und von der aus er zusehen musste, wie seine Yacht in den Tiefen des Ozeans versank. Kirsten hievte ihn an Bord. Und er staunte nicht schlecht, als sie ihn auf finnisch begrüßte. Diese Sprache hatte sie nämlich gelernt, als sie ein paar Jahre lang in Finnland unter anderem Schlittenhunde ausbildete.

Ihren schiffbrüchigen Segelkameraden übergab sie einem ebenfalls zu Hilfe geeilten Frachter, was schon alleine ein technisches Kunststück sein kann. Den Dank der Regattaleitung wies sie zurück: „Jeder Segler würde das für den anderen tun.“

Kap Horn querab

Wie ging´s weiter? Als Kirsten Kap Horn rundete, die schicksalsträchtige Insel für alle Seefahrer, funkte ihr der Leuchtturmwärter oben auf dem Felsen, dass sie, die einzige Frau im Feld, an dessen Spitze lag.

Immer weniger Yachten segelten um Podiumsplätze; die Zeit, die See forderten immer mehr Ausfälle. Als Kirsten nach 235 Tagen allein auf See unter Sirenengeheul und Horn-Signalen von hunderten Schiffen die Ziellinie in Les Sables-d’Olonne überquerte, hatte sie ihre verbliebenen zwei Konkurrenten weit hinter sich gelassen. Kirsten bekam für die Rettungsaktion ihres finnischen Kameraden Tapio Lethinen eine Zeitgutschrift von 35 Stunden. Geschenkt, denn die brauchte es für den Sieg nicht mehr!

Kirsten benötigte für das Rennen 235 Tage. Was das bedeutet, kann sich eine Landratte kaum vorstellen: Tag und Nacht muss der Segler die verschiedensten Berufe ausüben, teils bis zur totalen Erschöpfung!

Einmal ist er Rudergänger, im nächten Moment Funker, Sanitäter, Koch, Mechaniker, Installateur, - auf einem Segelschiff, das ist Naturgesetz, geht ständig was kaputt -, Elektriker (Elektrik ist immer der schwache Teil auf jeder Yacht), selbst Trinkwasser muß aus Regenwasser gewonnen werden, denn so eine Yacht wäre niemals in der Lage, ausreichend Wasser mitzunehmen.

Und dann die Einsamkeit: Das sind siebeneinhalb Monate in einer Einzelzelle mit gelegentlichem Freigang an der frischen Luft - an Deck. Ein zu sieben Monaten Knast verurteilter Straftäter hat es da besser als die trotzdem immer gut gelaunte Kirsten. Der Knacki bekommt das Essen fertig hingestellt, er wird bei Sturm nachts nicht rausgeholt, um unter Lebensgefahr "rumzuturnen", er kommt tagsüber mit seinen "Kumpeln" zusammen, er kann Besuch empfangen, und sein Entlassungstermin steht fest.

Kirsten kämpfte sich 235 Tage durch die Weltmere. Der Österreicher Michael Guggenberger segelte als Dritter nach 250 Tagen über die Ziellinie, eine ebenfalls bravouröse Leistung!

Mit 235 Tagen brauchte Kirsten, allerdings mit ihrem minimal größeren Schiff, 77 Tage, also zweieinhalb Monate, weniger als der taffe Sir Robin Knox Johnston beim ersten Rennen 1968.

Wichtigste Ehrungen

Kirsten Neuschäfer wurden die höchsten Auszeichnungen zuteil: Die oberste Welt-Segel-Organisation WORLD SAILING krönte sie zur internationalen Weltseglerin des Jahres. Zur festlichen Verleihung in Malaga erschien sie nicht „wegen anderer Verpflichtungen“ nahm also dort auch den Siegerpreis, eine Rolex im fünfstelligen Eurowert, nicht entgegen. Vielleicht war die Abenteuerin ja wieder mal im Afrikanischen Busch zum Zelten oder in der Transkei oder mit den beiden ihr zugelaufenen Hunden auf einem Spaziergang an der wunderschönen Küste von Port Edward nach Port Johns - sind ja nur 200 km (alles glaubhafte Entschuldigungen dem Autor gegenüber, wenn sie mal wieder tagelang wegen „out of communication" Mails nicht beantworten konnte).

Weitere höchste internationale Ehrungen folgten: Der Cruising Club of America verlieh ihr die von allen Seglern begehrte Blue Water Medal.

Der deutsche Delius-Klasing-Verlag zeichnete sie mit dem Seamaster aus..

Vom TRANS OCEAN, dem größten deutschen Hochsee-Segelverein, wurde ihr als Erster der internationale Bobby Schenk Kap Horn Award verliehen – siehe Foto. Bei der festlichen Veranstaltung in der vollbesetzen Hapag-Halle in Cuxhaven führte der Stifter, der selbst am 7. Januar 1983 nach 55 Tagen auf See Kap Horn gemeistert hatte, aus:

Wenn jemand sieben Monate auf See nonstop auf einer alten, 11 Meter kuttergeriggten Segelyacht ohne GPS die Welt umrundet,

wenn jemand in aussichtsreicher Position beim Rund-um-die-Welt Golden Globe Race zurücksegelt, um einen schiffbrüchigen Segelkameraden aus der Rettungsinsel zu bergen,

wenn jemand an diesem harten Rennen teilnimmt, bei dem von 29 gemeldeten Männern nur 16 starten und 13 ausscheiden,

wenn jemand dann dieses Hochseerennen um die Welt gewinnt,

und wenn jemand als einzige und erste Frau eine Rund-um-die Welt-Regatta überhaupt als Siegerin beendet, dann ist dieser Jemand the Greatest sailor of all time.

„The Greatest Sailor of all time“ ist Kerstin Neuschäfer aus Südafrika!"

Ach ja, eine Frage hat mich die ganze Zeit beschäftigt: Was hat Kirsten wohl bewogen, dieses mörderische Rennen mitzusegeln?

Wenn man Blauwassersegler so etwas fragt, bekommt man meist Allgemeinplätze zu hören wie: Ist die Erde rund?, der Kampf gegen die Verschmutzung der Meere, die Selbstfindung und ähnliche Scheinheiligkeiten.

Im Hofbräuhaus München bei einer schäumenden Maß, einem Schweinsbraten und dröhnender Blechmusik hab ich ihr endlich die Frage gestellt: "Kirsten, warum hast Du das Golden Globe als Dein erstes Rennen mitgesegelt?" Die aufrichtige Busch-Camperin konnte nicht recht begreifen, wie man eine solche Frage ernsthaft stellen kann. Ihre Antwort: "Weil ich das Rennen gewinnen wollte!" Punkt.

Anmerkung: Dass sie zur Freude so mancher Seglerin auch ein Rudel Männer niedergeseglt hat, tut nichts zur Sache.

Die größte Hochseeseglerin aller Zeiten



Und so erwies die Weltpresse der strahlenden historischen Siegerin die Ehre:

Die größte englische Zeitung THE TIMES





Die größte Segelzeitung Europas, die YACHT zur Verleihung des Seemasters:





Die britische Financial Time:





Das wichtigste Nachrichtenportal der Schweiz WATSON:





Die größte amerikanische Zeitung, die New York Time:



Video von der Verleihung des ersten BOBBY SCHENK KAPHORN AWARD an Kirsten Neuschäfer am 18.11.23 in den Hapag-Hallen in Cuxhaven
Das Musikvideo "Minnehaha" im Video wurde eigens für Kirsten komponiert und zusammen mit Werftarbeitern produziert!